Wie gelandete Raumschiffe liegen sie am Hang über dem Lennetal. Knapp 3.000 Kilometer vom ägyptischen Gizeh entfernt, ragen acht Pyramiden aus den Baumwipfeln. Wer sich da schon wundert, drehe sich um. 10.000 Kilometer entfernt von den Anden grasen Lamas auf der Wiese. Auf der zentralen Pyramide des Galileo-Parks prangt die Frage: „Sind wir allein im Universum?“
Sind wir nicht, denn Manuela Alawieh ist mit ihren beiden Töchtern da. „Endlich ist hier mal was los“, sagt die gebürtige Lennestädterin, dabei ist doch heute Schützenfest. „Ach, das ist in den letzten Jahren auch immer weniger geworden“, sagt sie. „Das hier ist was, das du einmal im Leben erlebst.“ Also so wie die Sonnenfinsternis letztens? „Die Röhrl-Klassik würde ich höher werten“, sagt sie mit fester Stimme, nicht zuletzt, weil sie ein großer Porsche-Fan ist.

„Ich habe das mit dem Röhrl damals alles verfolgt“, behauptet sie. Als der Regensburger seinen ersten Weltmeistertitel eroberte, war sie acht Jahre alt. Als der Stargast der fünften AvD-Röhrl-Klassik nach der Durchfahrtskontrolle an den Pyramiden eigens für ein Foto bei ihr stoppt, zittert Alawieh: „Mein Herz schlägt mir bis zum Hals.“ Dazu kommen die Hitzewallungen trotz knackiger 13 Grad Außentemperatur. Klarer Fall für Dr. André Kröncke, der mit dem Notarztwagen direkt zur Stelle ist. Als erste Hilfe reicht sein Helfer Jonas Asboe einen Lolli mit Brombeergeschmack aus dem Fenster – sofort oral einzunehmen.

Neben dem exotischen Wissenschaftsmuseum an der Lenne gehört die Kartbahn von Hahn zu den Highlights des finalen Morgens, außer für Kay-Uwe Wehring. „Ich dachte, wir wären schon im Ziel, dabei ging es noch um eine Kurve rum“, sagt der 71-Jährige bei der Mittagspause auf dem Ausflugsschiff Westfalen, das mit Rindsrouladen und Rotkohl am Campingplatz Vierjahreszeiten am Ufer der Bigge festgemacht hat, dem fünften Stausee dieser fünften AvD-Röhrl-Klassik. Der Lenker der Startnummer 17 ärgert sich noch immer über die 20 auf der Kartbahn verbummelten Sekunden, andererseits studiert der 71-Jährige seit einer Weile die Leeren des Buddhismus, und sagt Buddha nicht, dass der Weg das Ziel ist? Das Lehrbuch sagt auch, wer verheiratet bleiben will, treibt nicht Sport mit seiner Frau. „Ach, wegen so was kriegen wir keinen Krach“, sagt Gattin Sabrina.

Fast nach Liebe sieht es aus, wie der Ruf-911 von Michael Becker und Johannes Burges von der Sonne beschienen am Ufer der Bigge in Knutschweite zum AvD-Pannendienst, völlig elektrisiert vom beide verbindenden Starterkabel. Am letzten Tag der Rallye müssen leider noch zwei Teams die Segel streichen, aber die seit Tag 1 mit einer defekten Lichtmaschine geschlagene Startnummer 29 zählt nicht zu den Gestrandeten. Mit regelmäßigem Batterietausch rettet sich der Ruf-Porsche ins Ziel in Schmallenberg, das sich nach Meinung der Teilnehmer als großartiger Gastgeber präsentiert hat. „Sonst hätte ich mich auch nicht hier hingetraut“, sagt Bürgermeister Johannes Trippe grinsend bei der Abend-Gala.

Ein Paradebeispiel der Gastfreundschaft waren mehrere Hundertschaften Fans, die dem Feld an der Hitzenalm auflauerten. Der Name ist etwas irreführend, von einer Tiroler Alm stammen nur die Holzbalken des rustikalen Hofcafés, das sich eine Hügelkette hinter dem Biggesee in ein schmales Tal schmiegt. Ein Spalier von historischen Alpines hat der selbst rallye-aktive Hofbesitzer zur Begrüßung der Porsche-Parade aufstellen lassen. An der DK reichen freundliche Geister Käseküchlein mit Himbeere durchs Fenster. Enger stehen die Fans an diesem Wochenende nur 1986 auf der großen LED-Leinwand, auf der zwischen Siegerehrung und Abendessen Bilder aus ebenso fantastischen wie haarsträubenden Gruppe-B-Zeiten laufen.
Ein ernsthaft ergriffener Walter Röhrl betont auf der Bühne des Galaabends: „Das Überragende dieser Veranstaltung sind die Leute, die an der Straße gestanden sind“, und Organisator Peter Göbel betonte auch nach einer vorigen Röhrl-Klassik in Winterberg und fünf Sauerland-Klassik-Veranstaltungen zwischen 2015 Und 2023: „Die Zuschauermengen waren unglaublich und das Beste, was wir bisher hatten.“
Mit ihrer Theorie vom singulären Ereignis hatte Zuschauerin Manuela Alawieh auch sportlich recht. Schon auf der zweiten Etappe war es äußerst knapp zu gegangen, lagen doch Christoph und Marina Ditting in ihrem 1973er 911 Targa 2.4T mit ihren 1164 Strafpunkten nur hauchdünne 26 Zählerchen vor Steffen Roehn und Marc Hilbrat in ihrem Ur-Elfer von 1964. Trotz der Nervenschlacht leisteten sich die Duellanten auf den finalen sechs Prüfungen der Samstagsetappe keinen entscheidenden Fehler. Im Endspurt schoben sich Roehn und Hilbrat nach 750 Kilometern und 23 Prüfungen noch der Konkurrenz vorbei – um zwei Strafpunkte, sprich: zwei Hundertstel Sekunden. Peter Göbel braucht nicht in den Annalen nachschlagen, um sicher zu verkünden: „Das knappste Ergebnis, seit ich Rallyes organisiere.“

Sieger Stefen Roehn widmete den Sieg seinem vor zwei Jahren verstorbenen Vater, mit dem er viele Jahre das Cockpit geteilt hat, streute aber auch seinem neuen Partner Hilbrat Rosen: „der beste Beifahrer der Welt.“ Besonders stolz war er auf die Art und Weise des Erfolg, denn die Startnummer 14 war in der Sanduhrklasse gemeldet. Roehn sagt: „Das ist der Beweis, dass man eine Rallye wie die AvD-Röhrl-Klassik mit einer mechanischen Stoppuhr gewinnen kann.“
Die Mannschaftswertung ging an das Team „Fabulous Table 19“. Die zehnköpfige Besatzung hatte bei der Gala der zweiten Röhrl-Klassik in Rothenburg an Tisch 19 zusammengesessen und sofort eine gute Chemie gefunden.
Zum Schluss aber sind sich alle einig: Der herausragende Sieger der fünften AvD-Klassik ist das Sauerland. „Ich habe nicht einen getroffen, der auch nur ansatzweise den Eindruck erweckt hat, dass wir nicht lieben, was wir hier tun“, sagt Walter Röhrl. Und so dürfen sich auch Manuela Alawieh und ihre Töchter als Gewinner fühlen.
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