Tanz auf den Vulkan – Ein Ausflug ins benachbarte Hessen, eine Party am Berge und ein freudiges Ereignis

Der zweite Tag der 5. Röhrl-Klassik bringt mehr Blaulicht als die Polizei erlaubt, eine unerwartete Durchfahrtskontrolle und Besuch beim Hochadel.

Der Wetterbericht für diesen Freitag ist alarmierend. Für die deutsche Nordhälfte droht er nicht nur mit schweren Schauern, sondern auch mit Sturmböen. Aber das Sauerland, das sich bisher als grandioser Gastgeber präsentiert hat, will sich keine Blöße geben und hält die schweren Wolken zurück. Lediglich auf den ersten Metern rutscht ein kurzer Schauer durch, was Joern und Silke Weber zu einem kurzen Stopp nötigt. Auf der Starterliste finden sich 27 Targas und 35 Cabrios, das Pärchen aus Neustadt an der Weinstraße im 1987er Carrera ist unter staunenden Blicken der Konkurrenz die einzige Besatzung, die den Mut hat, offen loszufahren. In einer knappen Minute ist das Dach hinter der Ortschaft Jagdhaus wieder zu, aber schon ein halbes Stündchen später winkt Silke Weber in der Altstadt von Bad Laasphe den Schaulustigen zu, während Joern Weber fröhlich „Sommer!“ in den Himmel brüllt.

Bei fast allen Kontrollen gibt es Geschenke für die Teams. Zum obligatorischen Stempel in die Bordkarte gibt es eine kleine Aufmerksamkeit der Stadt, hier vom Tourismus in Bad Laasphe.

Gleiche Stelle, ein paar Minuten später, Auftritt Joseph Kotrie Monson. Das englische Enfant Terrible, ein Showman, gefangen im Körper eines Rechtsanwalts oder umgekehrt, springt in einem feuerroten Adidas-Trainingsanzug aus seinem (noch geschlossenen) 964 Cabrio, Beifahrer Erik McNeil hechtet in baugleicher gelber Baumwolle aus der rechten Tür. Das knallbunte Duett postiert sich mit goldenem Mikrofon vor der Menschenmenge und brüllt: „Isch liebe Bad Laasphe.“ Kotrie Monson, der vor Jahren schon einen Song über Walter Röhrl komponierte, spricht mittlerweile durchaus brauchbar Deutsch, verneint aber, dass er derlei Liebeserklärungen für alle am Wegesrand liegenden Orte vorbereitet hat. „Nur für die Großen“, sagt er grinsend.

Unbemerkt überqueren die 169 verbliebenen Teams auf der 133 Kilometer messenden dritten Etappe die Grenze und selbst Orientierungsfuchs Dieter Göbel auf dem Beifahrersitz des Vorauswagens zuckt mit den Schultern: „Da bin ich auch noch nie gewesen.“ Die Rallye ist nun in Hessen. Schon gestern war das Zuschaueraufkommen beachtlich, an diesem Freitag wird es noch doller. An der Abfahrt zum Polizei-Oldtimer-Museum parken hunderte Autos bis zum Tor, an dem Marburgs Polizei-Motorsportclub-Chef Frank Dönges in beige-grüner Uniform samt Streifenkäfer und VW T1-Bus eine stilecht, historische Verkehrskontrolle aufgebaut hat.

Halt, Polizei. Am Polizei Oldtimer Museum in Marburg war die Hölle los, die Zuschauer parkten bereits weit vor dem Areal. Zum Empfang hatte man eine historische Kontrolle aufgebaut. Über die beiden teilnehmenden Polizei-Porsche freute man sich besonders.

Die Kollegen haben zur Feier des Tages die schönsten der 110 Exponate aus den Wellblechhallten geschoben, um die das Teilnehmerfeld eine WP austrägt. Neidisch schielen die Beamten in Zivil auf den 356er Polizei-Porsche aus Düsseldorf, der die Marburger durchs Megaphon begrüßt. „So was kann sich unser Club nicht leisten“, verrät Dönges. Fahrer Jürgen Wettke ist durchaus bereit, Gebote entgegenzunehmen, aber es kommt zu keinem Abschluss. „Die wollten sich im Gegenzug nicht von ihrer Isetta trennen.“ Mit der tannengrünen Knutschkugel aus Bayern warb einst die Landespolizei um Nachwuchs.

Voller Vorfreude übersahen die Beamten die Amtsanmaßung von Mutter und Tochter Anke und Maike Groschek, die im weißen Polizei-914 mit Blaulicht und Sirene über den Museumshof fegten. Der Club hat nämlich selbst einen 914 in Arbeit. Bisher ist der einzige Porsche im Beritt ein 924, den die Technikabteilung mit frischen Bremsen gerade erst wieder flottgemacht hat. Den Röhrl-Besuch nutzte der Verein zur Wertsteigerung. Den rechten Klappscheinwerfer ziert jetzt ein Autogramm des Weltmeisters.

Der 914 der Groschek-Damen ließ am Nachmittag kurz die Schlafaugen hängen, aber die Männer vom AvD machten den Volksporsche mit ihren heilenden Händen wieder flott. Beim Versuch, zu helfen und nach einem kleinen Verfranzer fielen Vater und Sohn Thomas und Tobias Groschek gar hinter den Besenwagen zurück. Der Veranstalter gewährt Amnestie, das Männerteam darf morgen strafpunktfrei weiterfahren.

Mittagspause im Hotel-Restaurant Dammühle bei Marburg. Chef Jens Scherer und sein Team zauberten eine gelungene Mittagspause für die Teilnehmer, das Ambiente und Essen konnten kaum besser sein.

Zur Mittagspause in der Dammühle hat sich das Wetter so gesteigert, dass die Teams Vanillegriess mit roter Grütze schon auf der Terrasse genießen können. Unter blauem Himmel mit Schäfchenwolken reist die Karawane nach dem Wendepunkt an der 450 Jahre alten Tanzlinde von Himmelsberg auf den verbleibenden 167 Kilometern zurück nach Nordrhein-Westfalen. Zuvor aber ragt in weiter Ebene ein mächtiger Basaltkegel aus der Ebene. Auf diesem längst erloschenen Vulkan gründeten schon vor 4000 Jahren ein paar tapfere Kelten eine Siedlung. Der verglichen mit dem Hochsauerland bescheiden 365 Meter hohe Berg ist dennoch ein Höhepunkt der fünften AvD-Röhrl-Klassik.

Aus der engen Altstadt am Fuß einer Burg haben die Bewohner von Amöneburg einen Oldtimer-Hotspot gemacht. Die geparkte Parade reicht vom Audi Quattro in Kriegsbemalung über Ascona 400, Ford Mustang und diverse chromglänzende Chevys. Das Porsche-Zentrum Gießen hat eine aus einem T1-Bus gefräste Bar aufgebaut, für Ehrengast Röhrl ist ein von Pfosten mit Kordeln gesäumter roter Teppich ausgelegt wie bei den zeitgleich ausgetragenen Filmfestspielen in Venedig.

Höhepunkt der Freitagsetappe war ganz klar der Vulkan-Ort Amöneburg. Der Oldtimer-Club, das Porsche-Zentrum Gießen und die Stadt selbst hatten sich mächtig ins Zeug gelegt, um den 170 historischen Porsche einen gebührenden Empfang zu bereiten. Walter Röhrl und Christian Geistdörfer schrieben Autogramme ohne Ende.

Röhrl und Beifahrer Christian Geistdörfer schreiben Autogramme, bis sie fast ans Ende des Feldes durchgereicht sind. Es bleibt nicht die einzige Verzögerung für die Startnummer 1. Ein paar Fans haben in Friedrichshausen heimlich eine inoffizielle Durchfahrtskontrolle errichtet und servieren den zum Anhalten animierten Teams Kaffee und Kuchen. Ein Paradebeispiel sauerländischer Gastfreundschaft ist Prinz Gustav zu Sayn-Wittgenstein. „Keine Genehmigung kam schneller als die des Prinzen“, verrät Organisator Peter Göbel. Man kennt sich lange. Opa Richard Stremmel diente in jungen Jahren bei Hofe als Revierförster.

Jetzt steht der Prinz geduldig mit einer Hundertschaft Schaulustiger auf seinem Schlosshof in Bad Berleburg und wartet auf den hohen Besuch. „Ich kann mir nicht helfen, finde die alle schön, sagt der Prinz zu der abgenommenen Porsche-Parade. Der tiefenentspannte Hausherr hat die Rallye-Legende schon bei der dritten Röhrl-Klassik 2024 begrüßt, heute ist ihm wichtig, die nächste Generation ans Thema Rallyehelden heranzuführen. Söhnchen Gustav-Albrecht hält Röhrl einen weißen Spielzeug-911 zum Unterschreiben. Röhrl bewundert, wie groß der Kleine schon geworden ist.

Willkommen auf Schloss Berleburg. Prinz Gustav zu Sayn-Wittgenstein begrüßte mit Sohn Gustav-Albrecht die beiden Rallye-Weltmeister Walter Röhrl (rechts) und Christian Geistdörfer.

Ansonsten freut er sich am zweiten Rallyetag über den Auslauf für seinen gelben 911. „Tolle Straßen heute. Ich war schon neun Mal im Fünften“, sagt der 2009 mit ebenjenem RSR an der Costa Brava siegreiche Bayer begeistert. Einem möglichen Sieg ein Stück näher gekommen sind nach acht weiteren Prüfungen die schon am ersten Tage Führenden Christoph und Martina Ditting im 1973er Targa 911. Dahinter gab es überraschende Wechsel. Neu auf Rang 2 sind Steffen Roehn und Marc Hilbrat im acht Jahre älteren 911 und einen ganz großen Schritt nach vorne machten Gerhardus Kreyenborg und Pia Schröder im Porsche 924 S. Walter Röhrl hatte indes pausenlos zu tun mit Fotoshootings und Autogrammen, da blieb kaum Zeit, sich auf die Prüfungen zu konzentrieren. Er liegt mit Co Christian Geistdörfer auf Rang 123.

Zum Schluss noch eine freudige Nachricht. Nachdem sich alle Teams auf der vorletzten Tagesprüfung durch den Kuhstall von Bauer Zacharias in Alertshausen gearbeitet haben, während die Nachbarschaft bei Grillwürstchen und frischem Kaffee und Kuchen den Besuch der Porsche-Parade feiert, staunt das Publikum beim Blick auf die oberhalb des Anwesens gelegene Wiese. Mit dem letzten Porsche in der Prüfung bringt eine Kuh tatsächlich zeitgleich ein gesundes Kälbchen zur Welt. Der kleine Stier wird umgehend getauft. Er hört auf den Namen Walter.


Link: die besten Bilder von Tag 2 >>
Link: die Stimmen des zweiten Tages >>
Link: Ergebnisse >>