Gelbsucht – Trotz Regenwetter treibt Walter Röhrl in seinem gelben Carrera RSR viele Menschen auf die Straße.

Mit zwei großen und berühmten Talsperren und dem dritthöchsten Berg des Rothaargebirges bietet der erste Tag schon reichlich Highlights, mit 241 Kilometern und neun Prüfungen bis in die Dunkelheit aber auch reichlich Herausforderungen.

Kurz vor dem Start wird es bei der Startnummer zehn hektisch. Am Porsche 356 ist an der falschen Stelle eine Schraube locker – nämlich am Scheibenwischer. Ein Zwischentief hat zu Beginn dieses Spätsommers über den Höhen von Schmallenberg gerade einen heftigen Guss abgeladen, als Polizeichef Markus Brüning zur Tat schreitet. „Regen? Hab ich verboten“, sagt der Mann mit dem Motto: „Ich bin hier für die gute Laune zuständig“, und prompt schließt der Himmel seine Schleusen. Anschließend reicht der Dorfsheriff (O-Ton Brüning) den Freunden von der Autobahn-Polizei Düsseldorf seinen Werkzeugkasten an.

Die gute Nachricht: Der Wischermotor hält, die schlechte: Das muss er auch. „Bis auf eine Stunde hatten wir nur Regen,“ sagt Beifahrer Sönke Frey. Im ebenfalls schneeweißen 88er Targa mit der Nummer 28 hat die Copilotin bis kurz vor Etappenende die graue Wollmütze auf. „Wir wären jederzeit bereit gewesen, das Dach aufzureißen, aber wir haben uns nicht getraut“, sagt Gabriela Heinze.

Nervenkitzel mit Ansage: Die Prüfung „bunte Pylone“ auf dem Flugplatz in Meschede-Schüren hatte es in diesem Jahr in sich.

Angesichts des dominierenden Graus am Himmel kommt es bei diversen Teams zum Farbflash auf dem Flughafen Meschede. Die Zeitnehmer an der Prüfung „Bunte Pylone“ melden eine hohe Fehlerquote. Der Auftakttag ist kein Schnupperkurs und mit 190,1 Kilometern der längste in der Geschichte der Veranstaltung. Bis sich die Teams nach der ersten Etappe zum Barbecue am Golfclub Winkhausen zum verdienten Abendmahl niederlassen, sind satte sechs Prüfungen zu absolvieren.

Nach Passieren der Sorpetalsperre wird das Zentrum von Arnsberg zum Prüfstein für das Orgateam, weil sich sofort eine Menschentraube um den Carrera RSR mit der Startnummer 1 bildet. Alle wollen den Röhrl sehen. Der Bürgermeister ist von dem Auflauf begeistert und sagt zu Rallyechef Peter Göbel: „Da wäre noch mehr gegangen. Ihr könnt jederzeit wiederkommen.“

Durchfahrtskontrolle in Arnsberg für alle Teilnehmer. Die Rallye-Weltmeister Walter Röhrl und Christian Geistdörfer trugen sich zudem ins Goldene Buch der Stadt ein.

Die Pannenliste ist für einen Röhrl-Klassik-Donnerstag durchaus beträchtlich: Eine Antriebswelle muss festgetackert werden, eine Sicherung überbrückt, weil kein Strom mehr am Steuergerät ankommt. Aber das lässt sich ebenso beheben, wie das Verdeck, das für einen Moment nicht schließen will. Ein Keilriemen ist davongeflogen, aber morgen ist auch noch ein Tag. Ohne Strom ist die Nummer 66, es streikt die Lichtmaschine. Zum Glück passt die Batterie des 993 Turbo auch ins Auto der Pannenhelfer. Mike Poppe und Heiko Kahle bauen ihren vollen Stromblock kurzerhand in den havarierten Elfer ein, laden dessen entladene Batterie im eigenen Auto, tauschen später abermals. Eine neue Lichtmaschine ist so schnell nicht zu bekommen, aber Hans und Hanna Ley wollen nicht die Segel streichen. Das Batterien-wechsel-dich-Spiel soll auch morgen weitergehen.

Aufgeben kommt selbst für Hans-Christian Vastert und Christian Sprinkmeyer nicht in Frage. Dabei ist die Lage durchaus ernst. Schon im Vorjahr mit Motorärger gestrandet, schüttelt Mike Poppe dieses Mal schon nach 20 Kilometern den Kopf: „Besser nicht mehr anmachen“, sagt der AvD-Chirurg. Die Dignose lautet: Pleuelschaden. Die Besatzung nimmt das Urteil mehr als gefasst auf: Bis morgen soll ein Ersatzauto besorgt werden.

Die offensten Türen rennt die AvD-Röhrl-Klassik an der Schüttemühle ein. Vor zwei Jahren kamen beim Besuch der Rallye auf dem Hof am Ortsrand von Nordenau 1.700 Euro Spenden für einen guten Zweck zusammen. Jetzt spendete Stefan Schütte allen Teilnehmern eine Flasche Wasser und betonte: „Ihr seid hier jederzeit willkommen.“ Gerne werden Röhrl und Geistdörfer an den gastlichen Ort zurückdenken. Die Prüfung rund ums Gehöft gewinnen die viermaligen Monte-Carlo-Sieger.

Beste Stimmung am Bauernhof Schütte-Mühle in Nordenau. Es gab persönliche Geschenke für die Teilnehmer.

Pünktlich zum vom Hotel Deimann ausgerichteten Grillfest ist es trocken, kein Wunder, Sheriff Brüning ist gerade eingetroffen. Bei Bratwürstchen, Nackensteaks und Jumbo-Shrimps ist Nicole Gieskes guten Mutes: „Bei den Prüfungen lagen wir vorn“, ist sich die Frau aus der niederländischen Provinz Overijssel sicher. Die Ansage ist nicht allzu vermessen, sie und Fahrer Hebert Bouwhuis sind am Nachmittag mit der Startnummer drei ins Rennen gegangen. Röhrl und Geistdörfer müssen an der bunten Pylone zurücksetzen und bei Max Große-Ophoff in der Startnummer zwei lautet das Resümee zum Abendessen: „Wir sind hier.“

Auf dem Papier lasen sich die 51 Kilometer der zweiten Etappe mit nur drei Prüfungen leicht, aber die Dunkelheit erschwert bei manchen die Orientierung. Am Ende erreichen 163 von 172 Teilnehmern das Etappenziel.

Völlig verloren ist ein Schaf auf der mit 841 Metern höchsten Erhebung dieser Rallye. Das arme Tier hat sich abseits des Events in einem Elektrozaun verheddert und schreit zum Herzzerreißen, bis sich die Rallye-Plus-Helfer Jan Wildelau und Dirk Göbel seiner erbarmen und das arme Tier aus seiner Misere befreien. Auch wenn die WP aus dem Dach der Tour einfach aussieht, am Astenturm müssen die Teams Rückenwind mit drei Beaufort einberechnen.

Die steife Brise nehmen die Eingeborenen ebenso stoisch zur Kenntnis wie den ab und zu noch einsetzenden Nieselregen, alles kein Grund, die schützenden Mauern ihres Zuhauses aufzusuchen. Selbst am zugigen Kahlen Asten umringen noch drei Dutzend Schlachtenbummler den gelben Röhrl-Elfer. Bei hereinbrechender Dämmerung steht das Volk ungebrochen zahlreich an Abzweigen, Plätzen und Vorgärten mit präsentierten Warsteiner-Büchsen Spalier. Ausgelegte Programmhefte sind allerorten ruckzuck vergriffen. Das Feld rollt etwas unsortiert in Schmallenberg ein, diverse Teilnehmer haben sich unterwegs mit den Fans verbrüdert.

Sportlich sah der Tag trotz Regen aber für viele Teams gut aus. Ganz gut sogar für Christoph und Martina Ditting im 911 Targa von 1973, sie liegen ganz knapp auf Gesamtrang 1. Keine 4/10 dahinten rangieren Felix und Eckhardt Giesemann im bildschönen Porsche 356 auf Rang 2, Platz 3 geht heute an Dr. Lars Pfeiffer und Beifahrer Markus Henneke im 993 von 1995. Walter Röhrl und Christian Geistdörfer kümmern sich hauptsächlich um die Fans und den Eintrag ins Goldene Buch. Sie liegen nach neun Prüfungen auf Platz 126.

Die aktuell Führenden nach Tag 1: Christoph und Martina Ditting im Porsche 911 Targa von 1973.

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