Das Auffälligste ist die Stille. Fast lautlos bewegen sich gewaltige Pleuelstangen in einer Choreographie eines stählernen Balletts. Ohne jedes Geräusch dreht sich das 7,5 Tonnen schwere Schwungrad der Görlitzer Dampfmaschine von 1918 in zwei Sekunden einmal um sich selbst. Die Maschine, die einst in der legendären Möbelmanufaktur Thonet zum Biegen der berühmten hölzernen Kaffeehausstühle Wiens beitrug, arbeitet altersgerecht mit gemächlichen 30 Umdrehungen pro Minute. Sie schafft bei Bedarf auch 110 Touren. In der Spitze leistet sie – wie ein gut gemachter 911-Motor der ersten Generation – 180 PS, allerdings sähe der Porsche in Sachen Bumms gegen den mächtigen Industriearbeiter keine Sonne. „Beim Drehmoment sind wir im fünfstelligen Bereich“, sagt Lars Gerke.
Der 28-jährige ist einer von sechs Maschinenführern, die zur Feier des Tages eingeheizt haben. Seit 13 Uhr ist Feuer im Kesselraum, schließlich sollen die Maschinen laufen, wenn die Gäste kommen. Nahezu das halbe Feld der fünften AvD-Röhrl-Klassik hat sich zu Benzingesprächen unter Dampf im Esloher Museum Dampf – Land – Leute eingefunden.

Im Normalfall werfen sie die eisernen Kostbarkeiten nur zwei Mal im Jahr zu den „Dampftagen“ an, zu Ehren von Walter Röhrl und seinen Gästen präsentiert sich die Ausstellung zum Willkommensabend bei laufendem Betrieb und mit eigens gesetzter Festbeleuchtung in Gelb, Blau und Rot. Zu gedämpften Licht werden an einem halben Dutzend Ständen Köstlichkeiten wie Schweinefilet mit Kürbis-Pumpernickel-Füllung an Pfifferling-Graupen-Risotto gereicht, dazu gibt der Küchenchef einen ganz frischen Spritzer Grevensteiner Biersoße.
Sein Kollege im anderen Eck der Halle präsentiert „Westfälische Potthucke“ mit drapiertem Kräuterquark. Der fluffige Kartoffelkuchen ist bedeckt mit einer Scheibe hausgemachtem Räucherschinken. Zum perfekten Auftritt fehlt nur noch, dass auch die Schinkenschneidemaschine dampfbetrieben wäre. „Habe ich heute Nachmittag schon angemerkt, aber auf mich hört hier ja keiner“, sagt der Koch grinsend.
Die Männer vom Museum haben Wichtigeres zu tun als einen antiquarischen Antrieb fürs Wurstschneiden zu entwickeln, zum Beispiel Rede und Antwort stehen, um den neugierigen Besuchern ihre Welt zu erklären. „Ich finde es schön, den Leuten auch einmal dieses industrielle Zeitalter vor dem Automobil näher zu bringen“, sagt AvD-Präsident Lutz-Leif Linden bei Rindfleischstreifen an Kartoffelwürfeln. Schließlich ist der älteste Automobilclub der Nation schon 1899 gegründet worden, als Dampfmaschinen allgegenwärtig waren, Gasmotoren und Automobile noch seltenste Exoten.

Ein Jahr älter als der AvD ist die größten Maschine im Saal, eine MAN-Dampfmaschine von 1898, die einst zur Herstellung von Eisblöcken in einer Bierbrauerei Dienst tat. In der Halle herrscht angesichts von so viel heißem Eisen hochsommerliche Wärme. Natalie Thiedemann hat dementsprechend an blanken Füßen passende Bereifung gewählt: Stiletto-Sandalen mit zwölf Zentimeter Pfennigabsatz. Ihr Mann Bastian stammt aus dem Sauerland, kannte das Museum bisher aber nur vom Hörensagen: „Das ist echt schön, mal was völlig anderes“, sagt der Lenker des Porsche 964 mit der Startnummer 172 und kündigt an: „Hier müssen wir noch mal in Ruhe herkommen.“
Eher unruhig ist dagegen Matthias Falckenthal in den Abend gegangen. „Wir müssen pünktlich sein. Sonst verpassen wir die Führung“, drangsaliert er im 993 Targa seine Birgitta. Der Abend versetzt viele Gäste in ihre Kindheit. „Als ich klein war, fuhren bei uns in Hildesheim noch Dampflokomotiven“, sagt Falckenthal. Bei Jürgen Wettge, mit seinem Porsche 356 der Düsseldorfer Autobahnpolizei Röhrl-Klassik-Dauergast, reißt das Abend-Motto eine alte Wunde auf: „Früher gab es so kleine Dampfmaschinen als Kinderspielzeug. Ich habe von meinen Eltern aber nie eine bekommen“, sagt er lachend.
Nach dem Dessert erhebt sich Gastgeber Walter Röhrl und passiert die gewaltige Straßendampfwalze DE79 und schwärmt: „Das ist schon echt beeindruckend, wie gescheit die Leute schon damals waren, dass sie das alles entwickelt haben.“



