Wer beim Quiz berühmte Orte am Bodensee aufzählen soll, wird schnell auf die deutschen Städte Konstanz, Friedrichshafen und Lindau kommen, einer der klangvollsten Namen an den Gestaden des größten deutschen Binnengewässers ist auch das österreichische Bregenz. Dessen jährlich in den Sommermonaten veranstaltetes Kulturfestival wäre vielleicht nur eines von vielen, fände es nicht hauptsächlich auf der mit 7000 Quadratmetern größten schwimmenden Bühne der Welt statt, die spätestens 2008 weltweit bekannt wurde, als James Bond hier auftrat. Daniel Craig gab sich in „Ein Quantum Trost“ zum zweiten Mal als 007 die Ehre, der Star im diesjährigen September wird, wie gewohnt, die Startnummer 1 tragen, wenn am Nachmittag des 4. September auf dem Platz der Wiener Symphoniker die PS-Festspiele der Röhrl-Klassik beginnen.

Zur 4. Röhrl-Klassik starten die ersten Abbauarbeiten am aktuellen Bühnenbild.
Die vierte vom Delius-Klasing-Verlag unterstützte Ausgabe beginnt, wie die erste 2022 endete: am großen Wasser. Der zweimalige Rallye-Weltmeister Walter Röhrl, der erst nach seiner Weltkarriere seine deutsche Heimat kennen und lieben lernte, genoss bei der Premiere im Norden der Republik die Ostsee mit den Alleenstraßen Mecklenburgs und Vorpommerns, reiste bei der zweiten Röhrl-Klassik ins pittoreske Rothenburg ob der Tauber, genoss im Vorjahr die verschlungenen Sträßchen zu Talsperren und Fachwerkstädtchen des Sauerlandes, um dieses Mal in den tiefsten Süden zu reisen, ans „schwäbische Meer“, wie der Bodensee im Volksmund seit dem Mittelalter genannt wird.
Bregenz und sein direkt an der Seebühne errichtetes Festspielhaus sind Dreh- und Angelpunkt der dreitägigen Veranstaltung, für die Liebhaber vier Tage im Kalender freischaufeln, denn am Abend vor dem Start laden Ehrengast Walter Röhrl und Veranstalter Peter Göbel zum Willkommensabend auf dem Raddampfer Hohentwil zu Benzingesprächen rund um den Dampfkessel ein. Das 1913 vom Stapel gelaufene Schiff diente zuweilen dem Württemberger König Wilhelm II als Staatsjacht, querte den See unverdrossen durch zwei Weltkriege und entging während des Dampfersterbens 1961 der Verschrottung, weil sich die Lieferung des moderneren Ersatzschiffes verzögerte. Gerettet und liebevoll restauriert liegt das älteste noch verkehrende Passagierschiff jetzt für Charterfahrten in Hard bei Bregenz.

Im Voralpengebiet klettert die Route kurz nach dem Start am Donnerstag, den 4. September über die rund 1000 Meter hohe Passstraße des Pfänder. Von hier bietet sich eine grandiose Aussicht auf den Bodensee. 150 Porsche paradieren dann durch die großartige Kulisse der Altstadt von Wangen, die, an zwei wichtigen Handelsrouten gelegen, schon im Mittelalter große Bedeutung hatte. Friedrichshafen dagegen ist erst runde 200 Jahre alt. Gegründet auf den Ruinen der mehrmals verwüsteten Stadt Buchhorn blühte die Hafenstadt schnell wieder auf, erstens, weil es die Könige Württembergs alsbald zu ihrer Sommerresidenz erkoren, zweitens weil sie die Industrialisierung förderten. Berühmtester Sohn der Stadt ist Ferdinand Graf Zeppelin, der hier seine Luftschiffe baute.
Auch der visionäre Flugzeugbauer Claude Dornier siedelte sein Unternehmen in Friedrichshafen an, an dessen Lebenswerk heute das gleichnamige Museum erinnert. Zwischen dem Nachbau des legendären Flugbootes Dornier Wal, in dem noch einzelne Teile des Original-Nordpol-Fliegers von Roald Amundsen verbaut sind und dem frühen Senkrechtstarter-Prototypen Do 31 aus den späten fünfziger Jahren bittet die Röhrl-Klassik zum Abendessen, und zwar nicht etwa im Museums-Restaurant, sondern direkt in der Ausstellungshalle zwischen und unter den Flugzeugen. Bei hoffentlich gutem Altweibersommer-Wetter geht es durch Obstwiesen und Hopfenplantagen nach Lindau, wo die Teilnehmer im Abendrot über die Seepromenade am Hafen ins erste Etappenziel rollen.

Am Freitag zeigt der Kompass stramm nach Osten. Es geht zwischen Bregenzer Wald und Allgäu durch den Naturpark der Nagelfluhkette mit seinen Wäldern, Schluchten und Mooren. Die Route führt über die Grenze nach Bayern in den südlichsten Zipfel Deutschlands. Hinter Balderschwang erklettert die Porsche-Seilschaft den mit 1407 Metern über dem Meer gelegenen Riedbergpass, Nach dem höchsten befahrbaren Alpenpass Deutschlands geht es in rund 1100 Meter über das Oberjoch wieder hinüber nach Österreich ins Tannheimer Tal, dessen Name hochgradig in die Irre führt, denn auch dieses liegt 1100 über Normal-Null.
Fünf Grenzübertritte auf 80 Kilometern, das gibt es nicht alle Tage, nachdem die Teams die Alpenrepublik zum dritten Mal an diesem Tag verlassen haben, legt die Flotte am Ufer des Forggensees an, wo sich auf der Terrasse des Festspielhauses der Stadt Füssen nicht nur die Mittagsrast genießen lässt, sondern am gegenüberliegenden Seeufer auch die einmalige Kulisse von Schloss Neuschwanstein.

Die Röhrl-Klassik macht klar zur Wende und kreuzt über Seeg, Görisried und Immenstadt durch rein teutonische Gefilde im schönen Allgäu zu einer Durchfahrtskontrolle nach Oberstaufen. Dessen 8000 Einwohner leben auf einem 700 Meter hohen Sattel auf der europäischen Wasserscheide. Alles Wasser, das nach Westen abfließt, macht sich auf zum Rhein. An den östlichen Hängen dagegen rinnt der Regen Richtung Donau.
Oberstaufen blickt schon vor dem Besuch Walter Röhrls auf eine Rallye-Vergangenheit zurück. Von 2006 bis 2017 startete hier alljährlich die Allgäu-Orient-Rallye, eine Gauditour mit ziemlich gebrauchten Gebrauchtwagen, die Ziel im jordanischen Amman für einen guten Zweck versteigert wurden. Weiter geht es zur ebenso hübschen Marktgemeinde Weiler-Simmerberg, die sich seit Rückzug der Eiszeit ihrer ausgefallenen Felsformationen rühmt, darunter dem „Erratischen Block“, mit 4000 Kubikmetern der größte Findling Europas. Zum Schluss setzt die Rallye-Leitung Südwestkurs, und es geht wieder hinüber nach Österreich und hinunter zum Ziel in der Bregenzer Fußgängerzone.
Die finale Etappe am Samstag bleibt in der Alpenrepublik und macht dort ordentlich Höhenmeter. Den Anfang macht nach einem ausgedehnten Morgenritt durch den Bregenzer Wald der Hochtannbergpass hinüber ins Lechtal. Die Straße über 1697 Meter war bis vor 130 Jahren die einzige Zufahrt nach Lech am Arlberg, erst 1895 wurde eine Durchfahrt nach Vorarlberg im Süden fertig. Hinter dem 1775 Meter hohen Flexenpass rechts abgebogen, kommt nach einer runden halben Stunde Fahrt Bludenz in Sicht, nachweislich seit 800 nach Christus besiedelt und eine der reichhaltigsten archäologischen Stätten Österreichs. Kein Wunder: Nicht immer müssen die Wissenschaftler tief graben. Nur wenige Orte in Europa sind vom Lauf der Geschichte heftiger gebeutelt worden als dieses Städtchen mit seinen heute 15000 Einwohnern. Die Stadt wurde zwischen 1098 und 1629 regelmäßig von der Pest heimgesucht – ganze 19 Mal. Und wäre das nicht schlimm genug, brannte Bludenz wischen 1444 und 1682 nicht weniger als vier Mal nieder.

Und so geht es passenderweise auf dem Weg zum südlichsten Punkt der Route vom heimgesuchten Bludenz ins Brandnertal, an dessen Ende liegt, wie könnte es anders sein, das Örtchen Brand. 30 Wanderwege führen von diesem zwölf Kilometer langen Tal ab. Die Röhrl-Klassiker müssen keine Wanderschuhe anziehen, sie parken ihre Autos in Brand an der Talstation der Palüd-Seilbahn und fahren in Gondeln auf die 1608 Meter hohe Goona-Hütte, wo selbstredend auch Feuer gelegt wird, dieses Mal aber nur zur Zubereitung des Mittagessens für die Teilnehmer.
Mit vollem Magen ist nicht gut ackern, nach der Mittagsrast mit Gipfelpanorama erledigen das Kraxeln wieder Transaxle-Antriebe, und luftgekühlte Boxer bollern durch die dünne Luft des Faschinajochs (1486 Meter) ins Großwalsertal. Von dort führt das Furkajoch (nicht zu verwechseln mit dem schweizerischen Furkapass) über 1759 Meter hinunter zum Rhein, der nach Norden schnurstracks zurück nach Bregenz führt, wo sich die Teams gegen 14:45 Uhr im Ziel auf dem Platz der Wiener Symphoniker um die große Stimmgabel-Skulptur versammeln. Die Autos werden nach drei Tagen und rund 700 Kilometern allenfalls noch für ein Erinnerungsfoto vor dem Seebühnenbild der Oper „Der Freischütz“ gewienert. Die Besatzungen werfen sich ins Einser-Panier (Wienerisch für Festgewand) für den finalen Festakt und versammeln sich im großen Saal des Festspielhauses auf den Rängen, um einer für Oldtimer-Rallyes revolutionären Bühnen-Premiere beizuwohnen, denn Organisator Peter Göbel hat sich ein verwegenes Ziel gesteckt: „Die Siegerehrung soll nicht länger als eine halbe Stunde dauern.“ Ziel der Übung: Mehr Zeit und Muße fürs Galadinner, wo Ehrengast Röhrl das Glas erheben wird auf ein Quantum Prost.
Text: Markus Stier
Infos zur 4. Röhrl-Klassik 2025
Die vierte Ausgabe der Röhrl-Klassik führt in drei Tagen über rund 700 Kilometer durch den westlichsten Zipfel Österreichs (Vorarlberg) und den Süden Bayerns. Gelegenheit für die Abnahme von Auto und Dokumenten gibt es von Mittwoch (3.9.) von 12:30 bis 18 Uhr, und am Donnerstagmorgen von 8:30 bis 11:30. Am Mittwoch (17 bis 18 Uhr) bietet der fünfmalige deutsche Rallyemeister Peter Göbel einen Lehrgang für Gleichmäßigkeits-Rallyes an. Zugelassen zum Start sind wie gewohnt alle Porsche-Modelle mit Transaxle-Antrieben oder mit luftgekühlten Boxermotoren (bis Baujahr 1998). Zu vergeben sind 150 Startplätze. Für Teilnehmer mit besonders raren Exemplaren stehen zusätzlich zehn Wildcards zur Verfügung. Die Nennliste wird auf www.roehrl-klassik.de am 1. April (kein Scherz) geöffnet, gleichzeitig wird die Hotelbuchungsliste freigeschaltet. Nennungsschluss ist am 31. Juli, aber Interessenten sollten sich sputen. Sobald 150 Anmeldungen vorliegen, wird die Liste zur Vermeidung von Hotelüberbuchungen geschlossen. Nur ein Hinweis: 2024 gingen am ersten Tag 118 Nennungen ein.

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